Design for Manufacturing: Fertigbar von Anfang an

CNC-gefrästes Aluminium-Präzisionsteil mit sauberer Oberfläche, Bohrungen und Gewindeeinsätzen als Beispiel für fertigungsgerechte Konstruktion

Design for Manufacturing: Warum fertigbare Konstruktionen im Konzept beginnen

Design for Manufacturing – kurz DFM – ist eine der wichtigsten und gleichzeitig am häufigsten vernachlässigten Methoden in der Produktentwicklung. Eine Konstruktion ist technisch perfekt, im CAD sieht alles makellos aus – und dann kommt die Rückmeldung aus der Fertigung: „Das können wir so nicht bauen.“

Dieses Szenario ist alltäglich und vermeidbar. Design for Manufacturing ist keine Optimierungsmethode am Ende der Entwicklung – es ist eine Denkweise, die von Anfang an in jede Konstruktionsentscheidung einfließen muss.

Dieser Artikel erklärt, was DFM konkret bedeutet, wann es am meisten Wirkung hat – und welche Fehler am teuersten werden.

Was ist Design for Manufacturing?

Design for Manufacturing (DFM) bezeichnet die Praxis, Produkte so zu konstruieren, dass sie wirtschaftlich, zuverlässig und effizient gefertigt werden können. Es geht nicht darum, die eleganteste Konstruktion zu finden – sondern die beste Konstruktion, die produzierbar ist.

DFM umfasst fünf Bereiche:

Geometrie: Fertigungsverfahren-gerechte Formen ohne unnötige Komplexität. Was im CAD einfach aussieht, kann in der Fertigung aufwändig sein.

Toleranzen: Beherrschbare, wirtschaftliche Maßangaben. Enge Toleranzen sind teuer – und oft nicht nötig.

Material: Verfügbare, fertigbare und kostengünstige Werkstoffe. Exotische Materialien kosten Zeit und Geld.

Montage (Design for Assembly): Einfache, fehlerfreie Montage – auch durch ungelernte Mitarbeiter.

Prüfbarkeit (Design for Test): Prüfbarkeit aller kritischen Funktionen ohne Spezialwerkzeug.

Warum DFM am Ende teuer wird

Der Zeitpunkt, an dem DFM-Probleme entdeckt werden, bestimmt die Kosten der Lösung. Je später – desto teurer.

In der Konzeptphase entdeckt: Kosten: 0€. Aufwand: 2 Stunden Umdenken. Das Fertigungsverfahren wird angepasst, bevor auch nur eine Linie gezeichnet wurde.

Nach dem ersten Prototyp entdeckt: Kosten: 5.000-20.000€. Aufwand: Redesign, neue Werkzeuge, neue Lieferanten. Zeitverlust: 4-8 Wochen.

In der Vorserie entdeckt: Kosten: 50.000-200.000€. Aufwand: Komplettes Redesign, neue Zulassungen, Lieferantenwechsel. Zeitverlust: 3-6 Monate.

In der Serie entdeckt: Kosten: Nicht quantifizierbar. Produktionsstopp, Rückruf, Imageschaden, Kundenverlust.

Die Investition in DFM zu Beginn der Entwicklung ist die mit Abstand günstigste Option.

Die häufigsten DFM-Fehler

Fehler 1: Hinterschnitte beim Spritzguss

Hinterschnitte in Spritzguss-Teilen erfordern Schieber im Werkzeug – das bedeutet 5.000-20.000€ Mehrkosten pro Schieber, längere Zykluszeiten und erhöhten Wartungsaufwand. In manchen Fällen sind Hinterschnitte fertigungstechnisch gar nicht realisierbar.

Lösung: Entformungsrichtung bereits im Konzept festlegen. Jede Fläche muss in Entformungsrichtung oder mit Schieber erreichbar sein. Entformungsschrägen von mindestens 1° einplanen.

Fehler 2: Unrealistische Toleranzen

Eine IT6-Toleranz auf einer 200mm-Bohrung ist CNC-fertigbar – kostet aber 10× mehr als IT8. Viele Toleranzen werden aus Gewohnheit oder Vorsicht enger angegeben als nötig.

Lösung: Funktionsanalyse für jedes Maß: Welche Toleranz ist wirklich nötig? Toleranzkette berechnen und nur dort enge Toleranzen fordern, wo sie die Funktion direkt beeinflussen.

Fehler 3: Nicht erreichbare Verschraubungen

Schrauben, die von innen angezogen werden müssen, aber kein Werkzeug hinpasst. Oder Muttern, die mit einer Hand gehalten werden müssen, während mit der anderen geschraubt wird.

Lösung: Montage-Simulation im CAD – 2D-Ansicht reicht nicht. Werkzeug-Zugänglichkeit für jeden Schritt prüfen. Montageanleitung bereits während der Konstruktion schreiben (zeigt Probleme sofort).

Fehler 4: Zu kleine Biegeradien bei Blech

Ein Biegeradius kleiner als die Materialstärke führt beim Biegen zu Rissen im Außenradius. Das ist ein häufiger Fehler bei Konstrukteuren, die wenig Erfahrung mit Blechbearbeitung haben.

Lösung: Biegeradius mindestens gleich Materialstärke (Standard), besser 1,5× Materialstärke. Bei hochfestem Stahl: 2-3× Materialstärke. Biegekanten parallel oder senkrecht anordnen.

Fehler 5: Single-Source-Bauteile

Ein exotisches Sonderbauteil mit nur einem Lieferanten weltweit ist ein Risiko – für Verfügbarkeit, Preis und Kontinuität. Bei Kleinserien ist dieses Risiko besonders kritisch.

Lösung: Standard-Komponenten bevorzugen. Second Source für alle kritischen Bauteile definieren. Exotische Bauteile nur dort einsetzen, wo keine Alternative existiert.

Fehler 6: Wandstärken-Probleme beim Spritzguss

Zu dicke Wandstärken führen zu Einfallstellen und langen Kühlzeiten. Zu dünne Wandstärken führen zu Fließproblemen und unvollständig gefüllten Kavitäten.

Lösung: Wandstärken konstant halten (±20% Toleranz). Optimale Wandstärke je nach Material: PA6: 1,5-3mm, ABS: 1,5-3mm, PC: 2-3,5mm. Übergänge zwischen Wandstärken fließend gestalten.

DFM in der Praxis: Der richtige Zeitpunkt

DFM ist kein einmaliger Check – es ist ein kontinuierlicher Prozess über alle Entwicklungsphasen.

Konzeptphase – DFM-Check 1:

Fertigungsverfahren wählen und konsequent einhalten. Grundgeometrie fertigungsgerecht gestalten. Materialien auf Verfügbarkeit und Fertigbarkeit prüfen. Erster Kosten-Check: Passt das Fertigungsverfahren zur Stückzahl?

Konstruktionsphase – DFM-Check 2:

Toleranzketten berechnen. Hinterschnitte identifizieren und eliminieren. Biegeradien, Wandstärken, Mindestabstände prüfen. Montage-Sequenz definieren und im CAD simulieren.

Vor dem ersten Prototyp – DFM-Check 3:

Fertiger oder Lieferanten einbeziehen. Technische Zeichnungen auf Fertigbarkeit prüfen lassen. Kostenabschätzung für Serienfertigung einholen. Werkzeugkosten kalkulieren.

Praktische DFM-Regeln für Kleinserien

Für Kleinserien (≤1000 Stück/Jahr) gelten spezifische DFM-Regeln, die sich von der Großserie unterscheiden:

CNC-Fräsen: 3-Achsen-erreichbar (5-Achsen vermeiden wenn möglich – 3× teurer). Bohrungstiefe maximal 5× Durchmesser. Innenradien mindestens Fräserdurchmesser + 20% Aufmaß. Wandstärken mindestens 1mm (besser 2mm bei Aluminium).

Spritzguss: Wandstärke konstant (±20% Toleranz). Entformungsschräge mindestens 1°. Keine Hinterschnitte ohne Schieber. Anguss-Position und Trennebene früh festlegen.

Blechbearbeitung: Biegeradius mindestens gleich Materialstärke. Mindestabstand Loch zu Biegekante: 2× Materialstärke. Biegekanten parallel oder senkrecht (keine schrägen Biegungen). Mindest-Lochgröße gleich Materialstärke.

3D-Druck (FDM): Überhänge unter 45° (sonst Stützmaterial nötig). Wandstärke mindestens 2 Schichten. Horizontale Löcher: ovale Form statt rund (Durchhang-Kompensation). Einpressmuttern einplanen (kein direktes Einschrauben in Kunststoff).

DFM und Kosten: Was wirklich gespart wird

DFM-Optimierung reduziert Kosten auf drei Ebenen:

Direkte Fertigungskosten: Einfachere Geometrien, wirtschaftlichere Toleranzen, geeignete Materialien senken den Stückpreis direkt.

Werkzeugkosten: Weniger Schieber, einfachere Werkzeuge, standardisierte Formen reduzieren Werkzeugkosten bei Spritzguss erheblich.

Indirekte Kosten: Weniger Redesigns, kürzere Entwicklungszeiten, weniger Ausschuss in der Produktion.

Ein konkretes Beispiel: Ein Gehäuse mit 3 Schiebern im Spritzguss-Werkzeug kann durch DFM-Optimierung auf 1 Schieber reduziert werden. Werkzeugkosten-Ersparnis: 15.000-30.000€. Entwicklungsaufwand für DFM: 1-2 Tage.

Fazit

Design for Manufacturing ist keine Einschränkung der Kreativität – es ist die Grundlage für wirtschaftliche, zuverlässige Produkte. Wer DFM von Anfang an mitdenkt, spart Entwicklungszeit, reduziert Kosten und erreicht schneller die Serie.

Die wichtigste Erkenntnis: Eine Konstruktion ist erst dann gut, wenn sie nicht nur funktioniert – sondern auch wirtschaftlich produzierbar ist.

DFM-Probleme werden nicht weniger, indem man sie ignoriert. Sie werden teurer.

Möchten Sie Ihre Konstruktion auf Fertigbarkeit prüfen lassen – oder von Anfang an DFM-gerecht entwickeln?

Dann kontaktieren Sie uns – wir beraten Sie gerne!

Hansjörg Kauschke ist der Geschäftsführer von Kauschke Engineering aus München

Über den Autor:

Hansjörg Kauschke ist Gründer und Geschäftsführer der Kauschke Engineering Services GmbH, die er 1999 in München ins Leben gerufen hat. Mit über 25 Jahren Erfahrung in der Produktentwicklung begleitet er Unternehmen von der ersten Idee bis zum fertigen Prototyp – branchenübergreifend in Medizintechnik, Energietechnik, Industrieautomatisierung und Fertigungstechnik. Seine Artikel entstehen aus echten Projekten und vermitteln praxisnahes Wissen, das in keinem Lehrbuch steht

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